Der neue Koch-Stern am Neusiedler See:
Christoph Wagner und der Gourmetsee Nr. 1

So bahnen sich Verrisse an. Man bestellt für Dienstag einen Tisch in einem funkelnagelneuen Lokal. Man fragt, wo es sich denn befinde, und erhält die relativ detaillierte Antwort: gleich gegenüber der alten "Nikolauszeche". Man umkreist die alte Zeche mehrmals und findet weit und breit kein neues Lokal. Gott sei Dank hat man die Handynummer des frischgebackenen Küchenchefs aufgeschrieben. Man ruft an, erlebt eine Schrecksekunde und erfährt dann, dass der Tisch für Donnerstag reserviert und Dienstag Ruhetag sei.

Genuss mit Hindernissen. Der Schrecksekunde folgt ein erlösendes "I kumm scho!". Dann nähert sich ein Auto, es öffnen sich die Torflügel des frisch getünchten Gevierts. Der Küchenchef, seine Frau und sein Sous-Chef sind voll bei der Sache. Der Herd wird angeworfen. Und schon ein Viertelstündchen später wird das Amuse-Gueule serviert: hauchzart-weiches Lammzüngerl auf geschmorten Radieschen. Nein, Verrisse sehen anders aus.

Das älteste Wirtshaus von Purbach
Immerhin handelt es sich beim Küchenchef um Max Stiegl, der (im nahen Restaurant "Inamera") noch vor drei Jahren als jüngster Michelinstern-Koch der Welt Furore machte. Inzwischen legte er im Wiener "Mezzo" eine viel akklamierte Stagione ein, in der er sich vor allem für die Innereien-Renaissance stark machte. Und dann traf er den Wiener Wirtschaftsanwalt und Hobby-Winemaker Hans Bichler, der ihm zum jungunternehmerfreundlichen Pachtzins eine Immobilie zu Füßen legte: Es handelt sich dabei um das älteste Wirtshaus von Purbach, das früher als Gemeindehaus mit wahrlich schaurigem Gemeindekotter diente, über dem man heute in vier Designer-Appartements wohnen kann.

Sanfte Schärfe, goldene Schnitzel
Stiegl, ein grandioser Abschmecker, serviert indes eine alles andere als schaurige Ausnahmeküche. Charakteristisch für viele seiner Gerichte ist eine pikante Schärfe, die allerdings, etwa bei der Wallersuppe, eher von Ingwer als von Chili herrührt. Im Übrigen beherrscht er auch die Kunst des perfekten Tafelspitzes ebenso wie jene des "goldenen" Wiener Schnitzerls. Er unterhält beste Kontakte zu Neusiedler-See-Fischern. Und für seine Fans hat Stiegl auch sein "Herbstschnitzerl" (Stierhoden) und seine berühmte Cremeschnitte nach Purbach übersiedelt. Der Round-Table-Stube mit ihrer Stadthallen-Bestuhlung (Marke Roland Rainer) wird etwas Patina guttun. Der Weinkeller ist jetzt schon ansehnlich sortiert. Und da zu vielen Stiegl-Gerichten Bier passt, gibt es jederzeit frisch gezapftes - Stiegl.

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