Die unsichtbare Frau: Guide-Michelin-
Chefin Juliane Caspar im profil-Interview

Juliane Caspar, 38, ist gelernte Hotelfachfrau und arbeitete lange Zeit im Service der internationalen Spitzengastronomie. Vor sechs Jahren wechselte sie als Restaurant-Inspektorin zum Guide Michelin Deutschland. Seit vier Jahren leitet sie von Stuttgart aus die Michelin-Ausgaben Deutschland, Österreich und Schweiz.

profil: Warum lassen Sie sich nicht fotografieren?
Caspar: Das erklärt sich doch von selbst. Wir testen anonym, und wenn in der Presse überall Fotos von mir auftauchen, könnte ich meinen Job nicht mehr machen.
profil: Waren Sie schon mal in Gefahr, von Fotografen "abgeschossen" zu werden?
Caspar: Nein, zum Glück wird respektiert, dass Anonymität meine Arbeitsgrundlage ist.
profil: Sie testen Häuser in Österreich persönlich. Sind Sie für Sterneköche wie Silvio Nickol aus Velden oder Walter Eselböck immer noch eine Frau ohne Gesicht?
Caspar: Ja, schon. Ich bin mir sicher, dass Herr Eselböck mich bei meinem letzten Besuch im "Taubenkobel" nicht erkannt hat. Wir haben die Möglichkeit, zu zweit essen zu gehen. Wenn man als vermeintliches Ehepaar auftaucht, fällt das kaum auf.
profil: Früher hatten alle Michelin-Inspektoren das verräterische Autokennzeichen "KA" für Karlsruhe. Da schickten die Küchenchefs ihre Leute zum Parkplatz, um nachzusehen, ob auf der Heckablage auch noch ein Michelin-Guide liegt.
Caspar: Darauf können Sie sich nicht mehr verlassen. Aber ich werde Ihnen jetzt sicher keine Indizien verraten, woran man uns erkennen kann.
profil: Die kulinarische Szene in Österreich kritisiert am Guide Michelin jedes Jahr erneut, dass das in anderen Führern hoch gelobte Restaurant "Meinl am Graben" keinen einzigen Stern wert ist.
Caspar: Ich kenne die Diskussionen, deswegen gehen wir dort auch öfter hin als anderswo und testen sehr aufmerksam. Aber ich sage Ihnen mal unsere Kriterien: Qualität der Produkte, fachgerechte Zubereitung, Geschmack, persönliche Note der Küche und Beständigkeit der Leistung. Anhand der vielen Leserzuschriften und unserer Besuche sehen wir, dass das Restaurant auf großes Interesse stößt, aber wenn nicht alle fünf Kriterien erfüllt sind, besonders die Beständigkeit, können wir keinen Stern vergeben.
profil: Erklären Sie mir doch mal rein fachlich, was dem Restaurant fehlt.
Caspar: Nein, das erkläre ich Ihnen fachlich nicht. Wir veröffentlichen nur Sterne, keine Kritiken, wir teilen unsere Begründung auf Anfrage einzig und allein dem betroffenen Koch mit.
profil: Warum gibt es in Österreich noch immer kein 3-Sterne-Haus?
Caspar: Wir testen in allen Ländern nach internationalen Kriterien, deshalb haben die besten Restaurants eines Landes nicht automatisch Anspruch auf drei Sterne. Aber zehn Häuser mit zwei Sternen ist doch schon ein tolles Ergebnis. Damit gibt es im nächsten Jahr zehn Kandidaten für den dritten Stern. Ich bin sicher, dass es nicht mehr allzu lange dauern wird.
profil: Wie knapp war Österreich heuer dran am dritten Stern?
Caspar: Das sage ich nicht, Sie müssen sich bis nächstes Jahr gedulden.
profil: Also gibt's ernsthafte Anwärter?
Caspar: Ja, nächstes Jahr kann es durchaus so weit sein. Aber versprechen will ich nichts.

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