Topweine aus Südtirol trotz Törggel-Reflex:
Aktueller Genuss-Tipp von Christoph Wagner

Die Südtiroler sind ein eigenbrötlerisches und knorriges Völkchen, das ungefähr so aussieht, wie Paul Flora es immer gezeichnet hat, und einmal im Jahr völlig ausflippt. Da braucht nur einer "Törggelen" zu schreien, und schon schütten sich die Südtiroler in lieblichster Landschaft mit billigstem Vernatschwein zu und werfen dutzendweise gegrillte Maroni ein, die sie zuvor in wachsweichen Gorgonzola tunken.

Das Einzige, was an diesem Klischee stimmt, ist die liebliche Landschaft. Die lustigen "Törggeler" (das Wort erinnert nicht zufällig an Torkeln, stammt aber von "torculum", dem lateinischen Wort für Weinpresse) sind meist Touristen. Die Südtiroler Weinbauern selbst sind durchaus ernsthafte Önologen, die über die preisgünstigen Massenweine rund um den Kalterersee längst hinausdenken und international, vor allem aber in Italien selbst, als Weltklassespezialisten für weiße und rote Burgunder, Sauvignons, spannende autochthone Sorten und sogar für saftige Cabernets akzeptiert sind.

Einige der weltbesten Winemaker
Obwohl kaum eine Weingegend so viele "Drei Gläser" (höchste Auszeichnung des italienischen Guides "Gambero Rosso") abgeräumt hat wie Südtirol, glänzen Südtirols Weine auf österreichischen (sogar auf Nordtiroler) Weinkarten meist durch Abwesenheit.

Wein im Rhythmus der Natur
Dabei zählen Südtirols Spitzenwinzer seit Jahren zu den innovativsten der Welt. Einer der bekanntesten von ihnen, Alois Lageder, gilt als einer der prominentesten Vorreiter des biodynamischen Weinbaus. Das geht so weit, dass er über seinem Keller ein Windrad errichten ließ, das an eine Hi-Fi-Anlage gekoppelt ist, die Lageders Eichenfässer mit Bachs 6. Brandenburgischem Konzert beschallt, sobald ein Lüfterl aufkommt. "So bleibt der Wein auch im Keller in Kontakt mit den Rhythmen der Natur", sagt Lageder.

Unsichtbarer High-Tech-Keller
Auch Lageders Römigberg-Nachbar, Michael Graf Goess-Enzenberg (ein gebürtiger Kärntner mit Wiener Ehefrau), hat im wahrsten Sinne des Wortes Berge versetzt und mit einem "High-Tech-Keller" unterhöhlt, um heute einige der edelsten Tropfen der Region wie etwa seine fleischig-aromatische Vorzeige-Cuvée "Cassiano" zu keltern.

So gut wie Bitterschokolade
Weinaristokratie pur verkörpert, ohne deshalb von Adel zu sein, auch Luis Raifer, der als Obmann der Kellereigenossenschaft Schreckbichl und Erfinder der Marke "Cornell" so etwas wie der ungekrönte König des Südtiroler Weins, vor allem aber des "Lagrein dunkel", ist. Von jener viril-energetischen Rebsorte also, die nach Bitterschokolade schmeckt und für etliche der interessantesten Südtiroler Kreszenzen verantwortlich ist. Mindestens ebenso spannend ist freilich der Gewürztraminer, jener hocharomatische autochthone Tropfen, der - wie etwa in Kurtatsch mit über 15 % Alkohol - höchste önologische Sprengkraft oder, wie unter den Händen der charmanten Kastelaz-Winzerin Elena Walch - sprühenden Charme und unverschnörkelte Elegance zu erreichen vermag.

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