Wagners Gourmet-Kritik der Woche: Das Gasthaus zum Friedhof der Namenlosen

Der Friedhof der Namenlosen am Alberner Hafen ist ein literarischer Ort. Erst hat ihm Lilian Faschinger in ihrem ganz und gar unnostalgischen Stubenmadl-Epos "Wiener Passion" einigen Raum gewidmet. Und soeben ließ Peter Handke in einem NEWS-Interview mit der Nachricht aufhorchen, dass er sich für den Fall einer Rückkehr nach Österreich in der Gegend des Friedhofs der Namenlosen ansiedeln würde, nicht zuletzt deshalb, weil es dort ein gutes Wirtshaus gibt, in dem der Wirt selbst kocht.

Die Atmosphäre dieses früher "Sauhaufen" genannten Auabschnitts, an dem die Donau bis 1939 jene Wasserleichen freigab, die unter silbrig schimmernden Kreuzen aus Schmiedeeisen begraben liegen, hat schon etwas Bizarres an sich. Die Ästhetik des Hässlichen und der Liebreiz des Naturschönen liegen zwischen den gespenstischen Getreidespeichern des Zollbezirks und den schattigen Baumkronen des Wirtshausgartens eng nebeneinander, und für Morbidezza ist ebenso gesorgt wie für Appetit.

Montag Mittag ist der Garten jedenfalls bis auf den letzten Platz voll. Doch die Frage, ob die Gäste alle wegen Peter Handke hier seien, kostet die freundliche Wirtin Elisabeth Ettl nur ein Schmunzeln. "Wegen eines Kulturberichts kommt keiner da heraus", sagt sie. "Nur ein guter Wetterbericht bringt uns Gäste." Die, wie man ihnen ansieht, rundherum zufrieden sind. Ehrlichkeit geht in der Küche Henry Schnitzers, eines gebürtigen Boliviers altösterreichischer Abstammung, auch in kulinarischer Hinsicht vor Schöngeist.

Die Fischsuppe wäre anderswo ein veritables Hauptgericht. Und aus dem sehr cross gebratenen Knoblauchkarpfen, würde mancher Innenstadt-Wirt sechs Portionen statt einer schneiden. "Manchmal denke ich mir schon, dass ich einschreiten sollte", sagt Elisabeth Ettl, die gelernte Diätassistentin und Ernährungsberaterin. Aber zuletzt setzt sich doch die Podersdorfer Weinhauers-tochter in ihr durch, die gelernt hat, dass Gastfreundschaft immer auch etwas mit Großzügigkeit zu tun hat.

Durchaus überschaubar sind indessen die Preise, auch jene für den weißen und roten Podersdorfer Schankwein, der "dem Herrn Handke sehr gut geschmeckt hat" und von einer ähnlichen Ehrlich- und Erdigkeit ist wie alles hier, von der gerösteten Leber mit Eierschwammerln bis hin zu den überbackenen Pilzpalatschinken. Die Zeit scheint sich hier noch langsamer fortzubewegen als die Frachtkähne, die hinter den Bäumen des Wirtshausgartens vorbei defilieren. Und wenn man nach dem Essen noch einen Abstecher auf den nahen Friedhof macht, dann bleibt die Zeit vielleicht, für den einen oder anderen Augenblick, sogar stehen.

"Gasthaus zum Friedhof der Namenlosen", 1110 Wien, Zufahrtsstraße 54
Telefon: 01/769 39 71 Ruhetag(e): Do; Küchenzeiten: 8.30 bis 21 Uhr geöffnet

Web-Tipp: Christoph Wagner's Weblog:
www.speising.net