Mehr als einfach nur Grüner Veltliner: Im Weinviertel gibt's auch fabelhafte Rotweine

Spätestens seit der Einführung einer DAC für den Grünen Veltliner hat sich das Weinviertel ganz klar als Weißweinregion positioniert. Dennoch gibt es auf dessen großteils weißer Landkarte einige rote Flecken, die eine nähere Erkundung lohnen.

Das Weinviertel ist ganz klar das Hoheitsgebiet etwa die Hälfte der gesamten Rebfläche von 13.350 Hektar ein. Dennoch kann man dieses riesige Gebiet nicht über einen Kamm scheren. Man findet hier durchaus auch andere Böden und vor allem Kleinklimazonen, die für den Anbau von Rotweinreben günstige Bedingungen bieten.

Der Reiz des Rotweins
Dabei haben gerade die Rotweine des Weinviertels einen besonderen Reiz. Mit Kraft, Üppigkeit, hohen Alkoholgradationen und mächtigem Gerbstoff mögen sich andere schmücken. Die Stärke des Weinviertler Rotweins liegt vielmehr in seiner Fruchtigkeit, Finesse und Trinkfreudigkeit. Leider wird das manchmal übersehen, und wenn der Ehrgeiz mit dem einen oder anderen Winzer durchgeht, sieht man sich unversehens Granaten im Glas gegenüber, die zwar möglicherweise mit ihrem großzügig bemessenen Alkoholgehalt beeindrucken, aber eigentlich eher als Themenverfehlung einzustufen sind. Vielmehr sollte es hier darum gehen, die Vorzüge des kühleren Klimas in einem samtigen Blauen Portugieser – ja, es gibt ihn noch! –, einem fruchtig-saftigen Zweigelt oder in einem feinnervig strukturierten Pinot noir oder Merlot einzufangen. Es gibt etliche Winzer, die vorzeigen, wie so etwas geht, und über einige von ihnen möchte ich hier berichten.

Hochburg im Norden
Einst war Retz, das früher dem ganzen westlichen Weinviertel als Weinbaugebiet seinen Namen gab, das große Weinhandelszentrum der Region; die weitläufigen und wirklich sehenswerten unterirdischen Kelleranlagen legen Zeugnis davon ab. Heute bietet Retz dem Weinreisen den mit dem modernen „Wein quartier“ eine hervorragende Gelegenheit, Weine aus dem ganzen Weinviertel an einem Platz zu verkosten und zu kaufen. Man befindet sich hier in einer der trockensten Regionen Österreichs, und auch darum ist die Region um Retz und das etwas südlicher gelegene Pulkautal ein guter Boden für Rotwein. Einer der ersten, der sich das zunutze machte, war Werner Zull, der mit seinen bordelesken Rotwein-Cuvées schon früh das Potenzial von Böden und Klima gehoben hat. Inzwischen ist Junior Phillip für den Keller verantwortlich und keltert dort einen feinfruchtigen Pinot noir, der den besten des Landes auf Augenhöhe begegnet. Im Pulkautal, das unter anderem für seine wunderschönen Kellergassen bekannt ist, war früher der Blaue Portugieser die Paraderebsorte. Der ist inzwischen einigermaßen aus der Mode gekommen, kann aber, wenn er sorgfältig gemacht wird, als leichter und fruchtiger Zechwein nach wie vor Spaß machen – Stichwort: Kellergasse! Winzer wie Christoph Bauer, Anton Schöfmann oder Norbert Bauer setzen aber inzwischen mehr auf andere Rotweinsorten wie den Zweigelt, Pinot noir, Merlot oder auch Cabernet Sauvignon und zeigen mit ihren Spitzenkreszenzen, dass der Rotwein im Pulkautal eine Macht ist.

Sonne im Kessel
Eine besonders begünstigte Wein-Großlage ist der Kessel von Mailberg. Dass Mailberg aber auch in Sachen Rotwein feinsten Stoff hervorbringen kann, erkannte der heimische Weinbau-Pionier Lenz Moser als Erster. Er pachtete die Flächen des Malteser Ritterordens im Jahr 1969 und pflanzte dort Cabernet Sauvignon und Merlot aus. Die alten Rebstöcke bringen noch heute mit der Cuvée „Kommende Mailberg“ einen Rotwein von tiefer Fruchtigkeit und aristokratischer Finesse, der Trinkvergnügen auf hohem Niveau bereitet. Erwähnt werden muss hier auch das Weingut Graf Hardegg, dessen Rotweine den kleinen Abstecher nach Seefeld-Kadolz auf jeden Fall rechtfertigen.

Rotwein bei „Mister Veltliner“
Über Falkenstein geht es nun weiter nach Herrnbaumgarten, wo Gerhard Frank und das Weingut der Liechtensteiner (Sitz in Wilfersdorf) das rote Fähnlein hochhalten, und nach Schrattenberg, wo sich die Familie Schwarz sogar großteils auf Rotweine spezialisiert hat. Doch auch in echten Weißweinecken des Weinviertels stößt man auf beachtliche Rotweinvertreter: so beim Weingut Späth in Großkrut, wo man den Pinot noir kosten sollte, oder bei den „Jungen Wilden“ im Weingut Ebner-Ebenauer. Schließlich gibt es noch zwei Anlaufstationen im Umland von Wien, die man nicht auslassen sollte – Rudi Schwarzböck mit einem fleischig-festen Zweigelt und einem tintigen Merlot und Roman Pfaffl: Der Pinot noir und die Cuvées „Excellent“ und „Heidrom“ werfen eigentlich nur die Frage auf, warum man diesem Herrn den Ehrentitel „Mister Veltliner“ verliehen hat ...

Klaus Egle

Winzer-Tipps zum roten Weinviertel finden Sie in GUSTO 06/2011.