Gourmet-Menüs aus der Mülltonne: Über die Verschwendung und Wiederverwertung

Die Reste, die von den Tischen der wohlgenährten New Yorker Gesellschaft fallen und im Müll landen, reichen für ein ausgewachsenes Gourmet-Menü. Das jedenfalls ist die Überzeugung der "Freegans", einer Gruppe von Umweltaktivisten, die regelmäßig die Müllsäcke der New Yorker Trottoirs durchwühlen und dort völlig intakte Lebensmittel finden.

Die Bewegung wurde schon vor einigen Jahren gegründet und will mit ihren Aktionen vor allem auf die Verschwendung in der US-Gesellschaft aufmerksam machen. "Die Lösung für den Hunger auf Welt liegt in den Straßen von New York", postuliert Adam Weissman, der örtliche Freegan-Organisator.

Verschwendung
Tatsächlich werden der Organisation "City Harvest" zufolge, die es schon seit 1981 gibt, jedes Jahr Millionen Kilogramm essbarer Lebensmittel von New Yorker Unternehmen weggeworfen. Diese Verschwendung wollen die Freegans nicht hinnehmen. Zwei bis drei Mal im Monat gehen sie in kleinen Gruppen auf Tour und durchforsten die Müllsäcke von Supermärkten, Bäckereien oder Restaurants.

Überfluss
"Ich habe Joghurt", ruft Stephen Woloshin, ein gut verdienender Sozialarbeiter, auf einer dieser Expeditionen im wohlhabenden Stadtteil Greenwich Village, die für ihn die bisher zweite ist. Der Triumph in seiner Stimme, den der Fund in der schwarzen Tüte hinter dem Supermarkt auslöst, ist unverkennbar. "Diese Vergeudung muss einfach angeprangert werden", sagt Woloshin. "Ich verdiene gutes Geld und kann mir Essen leisten, aber es ist eine Schande, dieser Verschwendung tatenlos zuzusehen." Die 47 Jahre alte Lehrerin Janet Kalish ist im Vergleich zu dem Sozialarbeiter schon ein alter Hase. Sie sieht die Verantwortung bei den Supermärkten, die ihre Regale übervoll laden, um den Kunden "das Gefühl des Überflusses zu geben".

Sauberer Müll
Kalish versichert, sie kaufe nur noch die für ihre vegetarische Ernährung notwendigen Soja-Produkte. Alles andere suche sie sich aus dem Müll. Ihr Speiseplan sei dadurch sehr viel abwechslungsreicher geworden, "weil es ja immer Überraschungen gibt". "Sachen, die ich von mir aus nicht kaufen würde, wie Avocados oder Chicoree - ich wasche sie gut ab, und ich weiß ohnehin jetzt, wo der Müll sauber ist."

Äpfel, Orangen, Knoblauch & Co
Dennoch ist das Öffnen der schwarzen Säcke immer noch mit Vorsicht zu genießen. Zögernd befühlen die Müllsucher die Beutel von außen, bevor sie sie öffnen und hineingreifen. Das Ergebnis an diesem Abend ist - gemischt. Äpfel, Orangen, Knoblauch, eingelegte Karotten und luftdicht verpackte Esskastanien bringt ein Müllsack zum Vorschein. Das Vorgehen beim Aussortieren der Funde sei einfach, versichern die Freegans: "Anschauen, Riechen, Anfassen - wenn es in Ordnung scheint, nimmst du es."

Kostbaren Funde
Überwinden müssen sich die Müllsucher im übrigen nur, wenn es darum geht, die ungläubigen Blicke der Passanten zu ignorieren. "Es ist schon unangenehm", räumt Kalish ein. "Früher hatte ich Herzklopfen und das Gefühl, dass die Leute auf mich herabblicken." Doch ihrer Meinung nach sind die kostbaren Funde das Unwohlsein allemal wert. (apa/red)